Nordseehopping Teil 3: Die Hallig Langeness

Die Wellen klatschten an das Bug Fenster. Wir waren auf dem Weg zur Hallig Langeness. Die "Hilligenlei" war leider nicht so eine coole und schicke Fähre von der Sorte, die uns nach Amrum gebracht hatte, sondern ein richtiger Retrokahn. Unten im Keller gab es einen „Salon“ der seit Bau des Schiffes wohl nicht mehr renoviert worden war. Aber: Retro ist ja auch schick und irgendwie hatte das alles was. Neben einem Mann mit einem wuscheligen Bart und einer lustigen kleinen Strickmütze auf dem Kopf waren wir die einzigen Passagiere. Wie sich später herausstelle, war der Herr der einzige Kaufmann von Langeness, ein bewundernswerter Mann. Und, ich gebe es hier ohne Umschweife zu: Auf dieser Überfahrt haben wir uns gleich mal eine Tote Tante bestellt. Das ist hier in Friesland ein Kakao, der mit Amaretto gepimpt ist. LECKER! Oben drauf auch noch ein Sahnehäubchen, das diente genau wie beim Pharisäer dazu, den Alkoholgeruch zu verstecken. Diese Nordfriesen sind aber auch Schlingel! 



Nach einer kurzen Stippvisite auf der Brücke beim Käpt’n der wohl durch den Damenbesuch leicht irritiert die Fähre beim Landen erstmal kräftig an zwei Masten rammte, waren wir auch schon da: Langeness, größte Hallig in der Nordsee. Sie hat eine Länge von elf Kilometern und zählt 18 Warften, künstlich aufgeworfenen Erdhügel, auf denen die Bewohner der Halligen ihre Häuser gebaut haben, denn eine Hallig ist keine Insel. Langeness liegt im Wattenmeer, das auf der UNESCO-Liste des Welterbes der Menschheit steht. Die Hallig hat keine Polizei, keine Ampel, keinen richtigen Supermarkt und keinen EC-Automaten. 100 Menschen wohnen hier. Eine von ihnen ist Virginia Karau, die uns abholte. Sie besitzt zusammen mit ihrem Mann das einzige Vier-Sterne-Hotel auf einer Hallig: Ankers Hörn. Schon die ersten Impressionen von der Hallig waren eigentümlich. Fläche. Fläche. Fläche. Daran muss sich das Auge erst einmal gewöhnen. Weitverstreute Warften, ein paar Kühe, ein paar Schafe. That’s it. Ab vom Schuss. JWD. 






Nordseehopping: Hallig Langeness from Angie Reisefreunde on Vimeo.


Ankers Hörn ist nur wenige Minuten per Auto von der Anlegestelle entfernt. Vor dem Haus stehen Strandkörbe, in denen man es sich gemütlich machen kann und dann vor allem das tun sollte, wozu es einen auf die Hallig treibt: nichts. Rein gar nichts. Vielleicht noch ein Buch lesen, oder Vögel beobachten. Schlafen. Essen. Tote Tante trinken. Abschalten, runterkommen, nachdenken. In der guten Stube des Hauses, das übrigens mit viel Liebe und Details frisch renoviert wurde, wurden wir herzlich von den Mitarbeitern mit einem Stück Kuchen empfangen. Der wird jeden Tag von der Besitzerin gebacken. Virginia war schon als Baby auf der Hallig zu Besuch, hat sich dann später in ihren jetzigen Mann Malte verliebt und ist geblieben. Mittlerweile haben sie selber drei kleine Mädchen und führen das Hotel zusammen. Reisefreundin Betti verschwand nach der Friesentorte in die Sauna, die wohl einen der spektakulärsten Ausblicke direkt auf die Salzwiesen und das Meer bietet.  Ich starrte einfach nur auf die einrückende Dämmerung und döste.


Auch hier wird abends Wert auf köstliche Mahlzeiten gelegt. Malte und sein Koch servieren den Gästen ein dreigängiges Menü mit jeweils zwei Gerichten zur Auswahl. Am zweiten Anend hatten ein wir unter anderem ein köstlichen Rote Beete Carpaccio, danach eine Scholle.  Am ersten Abend ein Blumenkohlsüppchen und danach einmal ein knuspriges Perlhuhn für mich und für Betti ein leichtes Fischragu. Den Nachtisch haben wir dann allerdings nicht mehr geschafft.  Denn: wir haben wie auch sonst bei unseren Nordseehopping-Hotels sehr früh gegessen und waren ebenso früh müde. Muss wohl an der Luft liegen. Auf jeden Fall waren wir so platt, dass wir um neun Uhr auf unseren Zimmern waren.  Und mit Freude feststellen konnten: nirgends schläft man so tief wie am Meer, beziehungsweise in diesem Fall ja sogar mitten im Meer.


Am nächsten Tag hatte Betti sich viel vorgenommen – und dank Virginias Hilfsbereitschaft einige Hallig-Bewohner abgeklappert und Interviews für's Radio gemacht. Wie ist das so auf einer Hallig? So abgeschnitten von der Außenwelt? Bei „Land unter“ nicht in der Lage, die eigene Warft zu verlassen? Ob man Angst hat? Interessant zu sehen, dass die Bewohner ganz entspannte Zeitgenossen sind, die keine Angst vorm Meer haben sondern sich genau in dieser Abgeschiedenheit wohl fühlen. Auch weil sie keine echte Einsamkeit ist – denn man kennt sich hier und jeder weiß über den anderen Bescheid. Vom Hallig Kaufmann, der mit Frau und süßen Kindern und einem Au Pair (auch schon mal ein Mädchen aus Kenia) hier lebt und hier nicht mehr weg möchte - über den Rentner Herrn Petersen, einem direkten Nachbarn von Ankers Hörn, der die große Sturmflut 1962 überlebt hat, seine Frau und sein Neugeborenes damals nur knapp retten konnte, aber sein Haus in den Fluten verlor. Sie alle haben Geschichten zu erzählen von Entbehrungen, Genügsamkeit, einsamen und kalten Wintern. Man muss sie nur fragen. 


Denn ganz entgegen des Klischees, die „Fischköppe“ seien schweigsam und zurückhaltend: wir haben hier und während unserer anderen Stationen an der Nordsee Menschen voller Herz, interessanten Geschichten und viel Gastfreundschaft kennengelernt. Die Tour ist auch bestens für Alleinreisende geeignet. Aus all diesen Gründen können wir das Nordseehopping nur wärmstens empfehlen. Und genau deswegen sitze ich trotz Ende meines offiziellen Presse- Nordseehopping-Programms gerade wieder an Bord einer Fähre nach Amrum. Auf den Weg in „Mein Inselhotel“ zu Kerstin und Gunnar, zu ihren Geschichten und ihrer Gastfreundschaft. Da hatte es mir so gut gefallen und ich habe mich richtig wohl gefühlt. Aber dort mache ich Urlaub und arbeite nicht. Oder nur ganz ganz wenig. Also Nordsee-Freunde: Hol di fuchtig, das war platt und heißt mach's gut! :)


Mehr Fotos gibt es wie immer auf der Reisefreunde Facebook Seite.

Disclaimer: Auf die Nordseehopping Tour wurde ich von den Besitzern der Hotels eingeladen. Danke an Primo PR für die Organisation. Meine Meinung bleibt dennoch wie immer die meine! 

1 Kommentare:

  1. ... und der Typ, der auf der Hilligenlei den Kiosk macht, ist der Quotenösterreicher des Wattenmeers. Zwetschgenknödel bei Richtung Paradies tuckern - herrlich! Ach, Dein Artikel lässts mich wieder auf der Zunge spüren, diese paar Tage auf Langeness, die mir vorkommen wie die paradiesischste Zeit, die ich je hatte. Ich will zurück. Ich komme zurück, irgendwann. Hoffentlich ist wieder diese alte Madamme da, die durchs Watt stapfend immer so entzückt war von allem, was da rumschwimmt. Gugg ma, die lüdden Dingä! Hach.

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