Trottel-Ich. Wenn romantische Ideen nicht wahr werden.

Man soll immer auf sein Bauchgefühl hören. Und normalerweise mache ich das auch. Als ich in Hanoi auf dem Bahnhof stehe und der Zug, den ich mir rausgesucht hatten um nach Hoi An zu fahren, schon ausgebucht war, hätte ich einfach eine Nacht im schönen Mövenpick Hotel bleiben sollen. Aber nein.... ich dachte: „Ach egal. Nehme ich halt den nächsten Zug"  - der eine halbe Stunde später abfährt, aber dummerweise auch satte fünf Stunden später ankommt. Trottel-ich.

Schon beim Betreten des Abteils fühlte ich mich nicht wohl. Der Zug war wohl seit seiner Inbetriebnahme in den 70ern nicht mehr gereinigt worden. Austin Powers would have liked it.

 Ich hatte zwar ein sogenanntes Soft-Sleeper Abteil, in dem sich „nur“ vier Betten befanden, aber die Bettwäsche und auch die Matratzen sahen bedenklich aus. Selbst im schummerigen Licht. Blöderweise war auch nur noch ein Bett oben frei, besonders unbequem und eng. Und ich musste irgendwie schauen, wie ich meinen mittlerweile 17kg schweren Rucksack da hoch bekam. Sagen wir mal so: grazil ist anders.


Aber es kam noch schlimmer: zwar waren die beiden älteren Vietnamesen in meinen Abteil sehr nett und freundlich (zumindest was ich so aus ihren Gesten lesen konnte), aber sie sprachen eben auch leider kein einziges Wort Englisch, so dass ich mich nicht mit ihnen unterhalten konnte. Richtig doof war, dass beide die ganze Nacht über so laut schnarchten, dass ich nur froh war, in meiner Tasche ein paar Ohrenstöpsel und mein iPhone zu haben. Das hatte auch immerhin noch genügend Saft (Stromanschluss gab es natürlich nicht in diesem Zug, sondern nur in dem besseren, der schon ausgebucht war) um mir die Nacht über kuschelige Musik zu bieten.


Trotzdem bin ich etwa alle zwei Stunden aufgewacht. Und als ich dann beschloss um etwa 7 Uhr mal rauszuschauen und wieder einmal wie so oft auf meiner Asienreise einfach nur blöde auf die schönen Reisfelder zu glotzen, habe ich kaum meine Augen aufbekommen. Immerhin: der Gang durch den Zug Richtung Küche (den Wagen Speisewagen zu nennen wäre etwas zu hoch gegriffen) war aufschlussreich. Ich hatte tatsächlich die beste Wagenkategorie erwischt. Es gab noch Abteile mit sechs harten Pritschen, dann Liegesitze, die so durchgesessen waren, dass man die Sitzfedern sehen konnte und in der günstigsten Klasse harte alte Holzbänke. 

Und dann der Küchenwagen, in dem die Schaffner saßen, Suppe schlürfen und rauchten. Meine Uhr fanden sie interessant und mein iPhone. Während ich einen kleinen starken Kaffee trank (ich war fast dehydriert, wollte aber nicht mehr trinken, weil ich nicht noch einmal auf das schreckliche Klo wollte) und wieder auf die Landschaft glotzen wollte, baten sich mich mit Händen und Füssen Fotos von ihnen zu machen. Na gut. Siehe oben.

Erst Stunden später versöhnte mich und meine müden Knochen die Landschaft, auf die ich so lange gewartet hatte und wegen der ich überhaupt mit dem Zug reisen wollte. Da war es: das Meer. Meterhoch schlugen die Wellen an große schwarze Steine. Wir fuhren auf einer schmalen Trasse 50 Meter über dem Meer einen Dschungelhang entlang.  Rechts am Hang rauschende Wasserfälle, üppiger Wald. Kleine Siedlungen. Ich konnte gar nicht genug bekommen von dem Anblick. Und knipste wie eine Irre. Meine beiden Mitreisenden grinsten sich an, als wollen sie sagen: "Kiek mal, die blöde romantische Touristin. Ist doch alles nicht so spektakulär."  War es aber für mich. Allerdings nicht so, dass ich mir das ganze noch einmal antun wollte. In Hoi An angekommen hörte ich deshalb auf mein Bauchgefühl und kaufte mir für die Strecke von Hoi an nach Saigon ganz gediegen ein Flugticket. Schöne Landschaft hin oder her, ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Und irgendwo endet auch meine Sehnsucht nach Romantik und Reisfeldern.


Mein Tipp: Es gibt auch schickerer Züge als den meinen (ich hatte den SE19), der SE1 ist um Längen besser und schneller. Wer auf westlichen Standard nicht verzichten will, der sollte den Touristen-Luxuswagon am SE1 nehmen. Kostet mehr, ist aber wirklich wohl auch die paar Euro mehr wert. Essen gab es in meinen Zug zwar, aber selbst ich hartgekochtes Streetfood-Chicken hätte das Essen dort aus hygienischen Gründen nicht gern angerührt. Fast alle Vietnamesen hatten etwas zu essen dabei. So auch ich. Einen Apfel. Trottel-Ich. Was ich auch nicht wusste war: in den einfachen Zügen gibt es KEIN Toilettenpapier. Das muss man sich selber mitbringen. UND ganz wichtig: man muss frühzeitig und nicht wie ich erst zwei Tage vorher buchen! Eine gute Übersicht über die in Vietnam und in anderen Ländern angebotenen Zugverbindungen findet man bei einer meiner Lieblingsreiseseiten im Internet: The Man in Seat 61. Tja, wer lesen kann, ist eben klar im Vorteil. Anfänger wie ich müssen das noch lernen. 

6 Kommentare:

  1. Das sind die Erlebnisse von denen man noch seinen Enkeln erzählen wird. Was sauber und glatt läuft, wird nur all zu schnell wieder vergessen.
    Wir lieben deine Blogberichte und wünschen dir für das neue Jahr viele interessante Reiseerlebnisse.

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  2. Danke ihr Lieben! :) Schöne Weihnachten noch!
    Liebe Grüße
    Angie

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  3. Ach, naja - eine schöne Geschichte ist es trotzdem geworden! Und, ich kann dir garantieren ein paar andere Leute hätten das wohl genauso gemacht und sich nachher grün und blau geärgert… ;)

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    1. Hi Lea :) ich habe im Zug tatsächlich sogarnoch andere Deppen wie mich getroffen, allerdings erst nach 16 Stunden .... Schöne Zwischen-den-Jahren-Tage wünsche ich dir!
      Gigi

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  4. Ich bewundere Deine Reiselust, ich habe schon Bauchweh, wenn ich auf einem Bahnhof in der Heimat stehe. Reisen ist Abenteuer und abenteuerlustig bin ich nicht. Deshalb, Kompliment!

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    1. Danke liebe Sandra! Das schöne am Reisen ist ja auch immer ein bisschen das Heimweh. Aber ehrlich: momentan ist es für mich echt komisch, länger als drei Wchen zu Hause zu sein... :-) Ein schönes Wochenende dir und weiterhin viel Kitzeln deiner Reiselust hier auf Reisefreunde!
      Liebe Grüße Angie

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