Philippinen: Tanz auf dem Vulkan

Ich schwitze und schnaube und bin froh, dass ich mir vor Abreise noch Sommer-Trekkingschuhe gegönnt habe. Es sind zwar nur noch 300 Höhenmeter, die wir vor uns haben, aber ich muss extrem aufpassen nicht umzuknicken. Die Sonne knallt ohne Erbarmen auf uns nieder. Mein lokaler Guide ist ein junges Fliegengewicht. Und durchtrainiert. Das war mir im Auto gar nicht so aufgefallen – jetzt ist es sonnenklar. Wie eine junge Gazelle marschiert er vor mir her – die leichte Steigung, die Hitze und die Unebenheiten machen ihm gar nichts aus. Mir allerdings schon.

Ich bin auf den Philippinen  - auf der Hauptinsel Luzon – und auf dem Weg den Vulkan Pinatubo zu besteigen. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich diesen Hike überleben werde.

Am Tag zuvor waren drei breite Lächeln mein erster Kontakt mit Filipinos. Ich war am Flughafen in Angeles City gelandet – der verheißungsvolle Auftakt zu einer 15-tägigen Rundreise durch die Philippinen. Die drei fröhlichen Menschen hatten eine einzige Aufgabe: folgenden Satz im Kanon zu sagen "Welcome to the Philippiiiiiiiiines" und mich zu meinem Wagen zu bringen. Zucker!

Ein erster Bick nach draußen. Die Sonne schien, es war warm und es riecht nach Asien. Auf den Straßen eine Art Tuk Tuks, aber dann irgendwie doch nicht. Tricylces heißen sie hier, Mopeds mit Beiwagen, in denen bis zu drei Personen Platz finden. Theoretisch. Oft sind es mehr. Etliche Menschen sind unterwegs. Viele Kinder sind darunter, die Philippinen sind katholisch. Sobald sie mich Langnase sehen, lachen sie mich voller Freude an. 

In meinem Hotel für die Nacht öffnete ich nach Check-In erstmal die Minibar, mir war nach Bier. Meine Augen trafen auf drei Flaschen San Miguel. Spanisches Bier auf den Philippinen? Nein San Miguel, das hatte ich vorher schon brav recherchiert, kommt aus den Philippinen – zumindest das Original. Ich nahm mir gleich mal die harte Variante (Red Horse, 6.90%) heraus und schlurfte zum Pool. Der blöde Jetlag hatte mich verwirrt, ich brauchte eine Schlafhilfe.

Denn am nächsten Morgen sollte mein erstes Highlight auf mich warten – eine Fahrt zum Vulkan Pinatubo. Der brach 1991 letztmalig aus und riss 900 Menschen in den Tod. Die Rauchwolke war bis in 100km entfernte Manila zu sehen. 

Auf dem Weg fuhr ich an wunderschönen Landschaften vorbei, mein Blick fiel auf Berge, Palmen, Kühe grasten auf Wiesen, Reis lag zum Trocknen am Straßenrand. 

Im letzten Dorf vor dem Vulkan stieg ich um auf einen echten Jeep. Das Wort "echt" muss hier besonders betont werden, weil überall auf den Philippinen Jeepneys herumfahren, die den Jeeps nachempfunden sind. Jeepneys werden sie genannt und sind eine Kunst für sich. Die meisten dienen als Kleinbusersatz, sind bunt aufgemotzt und haben lustigste Namen. Aber für meine bevorstehende Tour waren sie wirklich nicht geeignet. 

Denn zunächst ging es für meinen Jeep-Fahrer, meinen lokalen Guide und mich per Auto gut 1,5 Stunden über Stock und Stein. Wir fuhren entlang des ausgetrockneten Tarlac Flusses. In weiten Trassen liegt hier zunächst eine helle Lahar-Schicht, mal vom Wasser des Flusses durchzogen, mal total trocken. 

Man hatte mir angeraten, während der staubigen Fahrt mein Gesicht, vor allem natürlich Mund und Nase zu verhüllen. Ich Doofi hab das natürlich nicht für nötig gehalten. Erst Tage später bekam ich eine Augenentzündung, anscheinend hatte sich ein winziges Lahar-Teilchen bei mir eingenistet.

Schon der erste Teil der Fahrt war ein echtes Abenteuer. An einem der typischen Haltepunkte traf zum ersten Mal auf das hier lebende indigene Volk: die Aeta. Ein Bergvolk, man sagt, eines der Urvölker der Philippinen. Sie leben in Bergregionen und sind immer noch Jäger und Sammler. Sie kennen sich gut mit Pflanzen aus und ich bin sehr glücklich, dass ich ihnen begegnen darf.

Zwei kleine Mädchen und ein Junge spielten auf Steinen, sie alle trugen lockiges Haar, eines der Erkennungszeichen der Aeta. Ihr Volk wurde bei Ausbruch des Pinatubos am härtesten getroffen. Sie vertrauten auf die Kraft ihres Berges, auf seinen Schutz und verließen den Berg trotz aller Warnung nicht. Viele zahlten dafür mit dem Leben.

Doch mein Versuch mit den jungen Aeta zu kommunizieren scheiterte erstmal. Nicht mal mein Guide konnte ihre Sprache verstehen. Die beiden Mädchen halfen mir mit einer einfachen Geste und einem Lächeln. Reisen kann so einfach sein, ich glaube, das habe ich schon mal geschrieben. 

Dann machte auch noch unser Auto schlapp. Aber wir hatten Glück: Ein anderer Jeep mit einer französischen Familie hielt an und half meinem Team. Und tatsächlich sprang der Wagen wieder an.

Es ruckelte kräftig, als wir weiterfuhren – über große Steine, durch Bergschluchten und an weiteren kleinen Aeta-Siedlungen vorbei.  Mehr Kinder liefen es uns entgegen. Alle winkten und freuten sich uns zu sehen. Nach unserem Gelände-Cruising in Schrittgeschwindigkeit kamen wir irgendwann nicht mehr weiter. Vier Jeeps standen schon hier – auf einem kleinen Vorsprung. Wir mussten also zu Fuß weiter.

Und genau das macht mir jetzt wirklich zu schaffen. Ich versuche, meinem Guide zu folgen, bis ich endlich den Mut aufbringe ihn zu bitten, langsamer zu gehen. Er hat Verständnis. Wer weiß wie viele schnaubende Touristen er schon hinter sich hatte, denke ich. Und als hätte er meine Gedanken gelesen (oder vielleicht war auch mein erschöpfter, verschwitzer Anblick der Grund) nimmt er mir galant meine Tasche ab. Salamat, das heißt Danke schön auf den Philippinen.

Endlich, nach knapp zwei Stunden zu Fuss sind wir da: der Kratersee liegt vor uns. Sanftgrün schimmert er, so friedlich, dass man sich nicht vorstellen kann, durch wie viel Unglück er entstanden ist. 

Die Tourcompany hatte mir ein Lunch mitgegeben, aber ich habe nur Durst. Auch mein Guide mag nichts essen. So sitzen wir im Schatten, glotzen und schweigen. Ich bekomme langsam wieder das Gefühl, Herrin meines Körpers zu sein. 

Als ich wieder genug Wasser intus habe und mich fit genug für den Rückweg fühle (es geht ja jetzt nur noch bergab) brechen wir auf. Jetzt erst habe ich überhaupt Augen für die Schönheit der Natur auf dem Rückweg – ein kleines Bächlein rinnt sich seinen Weg ins Tal. 

Die Schlucht vom Krater ist üppig grün, und die Vögelchen zwitschern. Ein paar hundert Meter weiter sehe ich die Behausung einer Aeta Familie – ich winke sie zu mir, will ihnen mein Essen geben: Huhn und Reis. Die junge Mutter der Familie kommt mir entgegen, sie nimmt mein Geschenk gern an und freut sich. Etwas Süßes für die Kinder ist auch noch dabei. 

Und dann kurz bevor wir unseren Jeep erreichen, sehe ich am Horizont ein kleines Persönchen. Als wir uns nähern erkenne ich, dass es eine Frau ist. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, aber sie sieht betagt aus. Vielleicht hat sie die 90 schon überschritten. Mit Hilfe ihres Kopfes trägt sie einen schweren Sack. Wir bleiben vor einander stehen. Sie ist gerade mal 1,20m groß. Sie sagt etwas zu mir. Und zeigt auf ihr Gepäck und nimmt es ab. Süßkartoffeln sind darin. Mit Händen und Füssen reden wir miteinander. Sie hat die Süßkartoffeln zu Fuß aus dem Dorf gebracht. Ich hebe den Sack an, es sind wohl locker 15 Kilo. Ihr Marsch muss Stunden gedauert haben. Ich schaue in meiner Tasche nach, finde einen Apfel und ein paar Scheine Geld und gebe es ihr. Sie bedankt sich mich einem herzlichen Lächeln und legt ihre Hand auf meinen Kopf. Und mit einem Mal bin ich hellwach und weiß: ich bin willkommen auf den Philippinen. Einen besseren Start gibt es nicht. 

Und hier für alle Lesefaule -ein kurzes Video von meinem Tanz auf dem Vulkan:

  
Meine Tipps für eine Tour zum Pinatubo:
Der Vulkan Pinatubo liegt etwa 100km nördlich von Manila auf der Hauptinsel Luzon. Von Manila sind Tagesfahrten buchbar. Ich bin ab Angeles City gestartet, das liegt noch näher dran, darum bin ich auch aus Europa nicht in Manila, sondern am Clark Airport gelandet.

Ihr solltet an eine leichte Kopfbedeckung, einen dünnen Schal gegen den Lahar-Staub, wirklich festes Schuhwerk, Sonnencreme und genügend Wasser denken. Essen war mir wirklich zweitrangig. Mir hätte ein Energieriegel gereicht. Touren sind so ziemlich überall buchbar, bei den meisten ist ein kleines Lunchpaket dabei. Es gibt auf der gesamten Strecke ab dem Dorf nichts zu kaufen, auch nicht oben am Krater. Immerhin: es kleines Toilettenhäuschen gibt es - allerdings ohne Türen. Aber das ist eh egal, richtig voll wird es hier wohl nie. 
Auf meine Reise wurde ich vom Philippinischen Tourismusamt eingeladen.  

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