„Don’t be instant tourists“

Das sind die Worte von Virginia. Sie ist etwa 60 Jahre alt und die Tante meines Guides Dayton. Es sind fast ihre letzten Worte, kurz bevor ich mich bei ihr mit einer Umarmung verabschiede.

Schon auf dem Weg hierhin hatten wir Verwandtschaft von Dayton getroffen: seine Oma, die hier mit einer Freundin im „Hanging House“ Rast gemacht hatte – auch sie betagt, auch sie arbeitet noch. 
 
Vor gut drei Stunden haben Dayton und ich hier oberhalb von Bangaan nahe bei Banaue gehalten und sind die steilen Berge zu Virginias Dorf herunter gestiegen. Die Umgebung hier gehört zum UNESCO Welterbe. Auch Dayton hat hier mal gelebt. Auf dem Weg kommen wir zunächst an dem kleinen Haus seines Onkels vorbei, der im Garten zwei Schweine laufen hat. 

Ein paar Meter weiter Kinderrufe. Die winzige Schule der Region. Die kleenen Stepkes kommen aufgeregt zu uns und verlangsamen sich etwas, als sie mich Weißgesicht sehen. Neugierige Blicke. Fragen nach Süßem. Lächeln, lächeln, lächeln. Ach, Philippinen.

Dann sehe die Reisfelder die terrassenförmig an den Berghängen angelegt sind.  Und das kleine Dorf kommt immer näher. 

 „Hier stehen die Reisbauern immer früh auf“ erklärte mir Dayton. „Irgendwann ist es einfach zu heiß zum Arbeiten. Erst am Nachmittag gehen sie wieder auf die Felder“. Der Reis hat hier mehrere Feinde. Schnecken, die sich in den stehenden Gewässern der Reisfelder ausbreiten und die Ernte zu Nichte machen  - und Würmer. Die hungrigen Störenfriede müssen von Hand entfernt werden, eine mühselige Arbeit.

Nach einer halben Stunde kommen wir unten im Dorf an. Nur eine Handvoll Häuser stehen hier. Viele sind im traditionellen Stil gebaut-  auf hohen Stelzen. Nur mit einer Leiter kommt man nach oben. Diese Bauart ist Schutz vor Tieren – denn der kostbare Reis wurde und wird ebenfalls im Haus gelagert. 

Mit wunderschönen Schnitzereien sind die Häuser verziert, sie erzählen die Geschichte der Familien. Ich sehe böse Angreifer, Kopfjäger und Kämpfe, die hier symbolisch eingraviert sind.

Und dann geht die Sonne auf, im wahrsten Sinne des Wortes. Dayton's Tante Virginia kommt um die Ecke, sie trägt schwarzes Haar, es schimmert wie Seide, zu einem Zopf gebunden. Ihre Augen funkeln und versprechen Weisheit und Güte. Gleich zu Beginn nimmt sie meine Hand und begrüßt mich mit einem dünnen und eher wispernden Stimmchen. Auf Englisch – das wundert mich sehr.




Ich merke gleich, dass sie sich über meine vielen Fragen freut. Sie will mir ihr Dorf und mir ihre Arbeit zeigen. Jeden Morgen, erzählt sie, steht sie sehr früh auf. Ihr Frühstück besteht aus einer Portion Reis, natürlich ihrem eigenen. Und nur dieser. Kein Gemüse, kein Fleisch. Nicht mal Salz. „Mein Reis braucht das nicht, er schmeckt auch so gut“ erklärt sie. 

 Sie zeigt mir, wie sie den Reis bearbeitet, wenn er getrocknet ist. Dayton steht daneben und ich sage ihm, er solle seiner Tante gefälligst helfen. Er lacht und nimmt Virginia die Arbeit ab - eine anstrengender Akt: mit einem schwerem Holzstamm wird der Reis in einem großem Steinmörser bearbeitet, bis sich die Spreu trennt. Ich versuche es auch mal, passe einmal nicht auf und schon liegt der Reis auf dem Boden – ganz zur Freude der umherlaufenden Hühner. Wie peinlich. Dayton rettet mich und macht einfach stur weiter. 15 Minuten dauert das. Dann wird gesiebt.  

Virginia gibt den Reis auf einen flachen Korb und wirft die Masse in die Luft, der Spreu fällt- weil er leichter ist – auf den Boden, die Reiskörner bleiben im Korb liegen. Mühsam. Bei ihr sieht es kinderleicht aus, sie macht die Arbeit seit 50 Jahren.

Mein Respekt vor ihr ist unermesslich. Lange sitzen wir beieinander, sie bittet mich, bald wieder zukommen um dann bei ihr im Haus zu wohnen. Mit ihr zu kochen und zu reden. Die meisten Touristen sagt sie, bleiben nicht lange, meist nur für ein paar Fotos, vielleicht 15 Minuten. „Wenn du zurück bist und über uns schreibst, dann teile den Touristen mit, sie sollen doch bitte länger bleiben und sich mit uns unterhalten, wir haben so viele Geschichten zu erzählen“, bittet sie mich. Und dann fixiert sie mich mit ihren schönen Augen, nimmt meine Hand und einen Satz, den ich mein ganzen Leben nicht vergessen werde:




„Tell them: Don’t be instant tourists“.

Und ich bin so gerührt, dass mir Tränen aus den Augen schießen und ich sie ganz fest drücke. Dieser Satz wird mein Credo sein, auf allen Reisen, die noch folgen werden.

Salamat, Virginia. Auftrag erfüllt!

Visiting Rice Farmers in Bangaan -Philippines from Angie Reisefreunde on Vimeo.


PS. Wenn ihr in Banaue seid, fragt nach einer Tour mit Dayton (hier Link zu seinem Facebook Profil, dass wir am Abend unserer Tour noch gemeinsam erstellt haben! Bitte liken!) und fahrt mit ihm gemeinsam zu seiner Tante Virginia. Bitte bringt Zeit mit! Und grüßt und drückt sie ganz herzlich von mir! ;-)
Auf meine Rundreise wurde ich vom Philippinischen Tourismusamt eingeladen.

4 Kommentare:

  1. Total schöne geschichte. Ich werde den Satz von Tante Virgina auch beherzigen und es auf meinen Reisen anwenden.

    vielen Dank dafür.

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    1. Ich danke dir, das wird sie sicherlich sehr freuen! :) (und mich auch!)

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  2. Mensch, Angie. Jetzt will ich sofort wieder zurück. Also jetzt aber sofort! Es gibt einfach so viele wundervolle Orte auf den Philippinen und so viele fantastische Menschen wie Virginia.
    Das Video fängt die Stimmung echt klasse ein - das erinnert mich daran... ich habe noch Filmmaterial von meinem Tauchgang mit 6 Schildkröten...

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    1. ja, dann ran an das Schnittprogramm ! :D

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